Die Grand Tour

"Wenn jemand eine Reise tut,

so kann er was erzählen.

Drum nahm ich meinen Stock und

Hut und tät das Reisen wählen."

(Matthias Claudius, 1774)


Der englische Gelehrte Samuel Johnson verkündetet 1776 sinngemäß, dass "ein Mann, der nicht in Italien war, sich immer mit Minderwertigkeitskomplexen belasten wird, da er nicht gesehen hat, was von ihm erwartet wird gesehen zu werden."
("A man who has not been in Italy, is always conscious of an inferiority, from his not having seen what it is expected a man should see.")

Bereits im 16. Jahrhundert kam die Grand Tour auf. Eine Kavalierreise der Söhne des englischen Adels durch Mitteleuropa. Diese Bildungsreise zum Abschluss der Erziehung war in der Renaissance obligatorisch und sollte die Bildung vervollständigen. Obwohl es in der Regel junge Männer waren, die auf Reisen gingen, so gab es doch auch Frauen auf der Grand Tour.

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Man besuchte europäische Kunststädte, besichtigten Baudenkmäler und sollte die Sitten anderer Länder studieren. Zudem sprach man an den Fürstenhöfen vor, um nützliche Kontakte zu knüpfen. Die jungen Männer sollten auf dieser Reise Selbstbewusstsein entwickeln und damit zu möglichen Führungspersönlichkeiten heranreifen und später, die auf der Tour gewonnen Erfahrungen, für Positionen in der Regierung und Geschick in der Diplomatie anzuwenden.
Die Grand Tour bedeute gleichzeitig Prestige und Weltläufigkeit, Vergnügen und Pflicht. Zumal eines der wohl eher unausgesprochenen Ziele der Tour auch die Anbahnung von Hochzeiten war, sowie die Möglichkeit sich in erotischen Dingen ein wenig "auszutoben".

Mitte des 18. Jahrhunderts war die Grand Tour besonders beliebt. Erst der Niedergang des Adels nach der französischen Revolution läutete auch gleichzeitig das Ende der Grand Tour Ära im klassischen Sinne ein. Ihr folgenden dann ab dem 19. Jahrhundert die Bildungsreisen, die durch die steigende Anzahl von Reiseliteratur (z.B. Baedeker) sehr viel individueller gestaltet wurde. So verlor die Grand Tour einen Teil ihrer Exklusivität und damit auch für ihre klassische Klientel einiges an Reiz.

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Für die Vorbereitung auf die, in der Regel mehrjährigen (1 - 5 Jahre), Fahrt auf den Kontinent mussten u.a. folgende Probleme gelöst werden:

Sehr wichtig waren Formalitäten, wie Reisepässe und Gesundheitszeugnisse. Vor allem in Italien und Deutschland wurden wegen der Kleinstaaterei unzählig verschiedene Papiere benötigt.

Da die Ausfuhr von Devisen aus England begrenzt war, musste Geld transferiert, bzw. bei italienischen Banken in London hinterlegt werden.
Für Bargeld und Wertgegenstände, hatte man, insofern man in der eigenen Kutsche reiste, in der Regel Geheimfächer vorbereitet, da es unterwegs unzählige korrupte Zollbeamte, diverse Zollgebühren (für die eigene Kutsche und/oder Begleitwagen ) u.v.a. zu bezahlen galt.

Vorbereitungen galt es sowohl gegen Räuber, mangelnde Sicherheit in Herbergen, als auch gegen schlechte Straßenverhältnisse, Unfälle und damit evtl. einhergehende Reparaturarbeiten an der Kutsche, zu treffen. Werkzeuge und Ersatzgeschirr waren so unabdingbar.

So wurde besondere Sorgfalt auf das Gepäck verwandt. In der Regel war nur begrenzt Platz vorhanden, wenn man nicht gerade mit zusätzlichen Kutschen oder Gepäckwagen reiste. Auch musste eine große Anzahl von Gegenständen des täglichen Bedarfs wie Bettzeug, Besteck, Geschirr, Schreib- und Malutensilien, Nähzeug, Körperpflege- und Arzneimittel mitgeführt werden. Empfohlen wurden natürlich auch Waffen, ja manchmal sogar gleich ein komplettes Bett mit sich zu führen, da nur die wirklich teuren Hotels in den Städten auf den gewünschten Standard adelige Gäste entsprechend gerüstet waren.
Hochrangige Adelige, die über ein entsprechendes "Netzwerk" verfügten, war es auch durchaus möglich in Privathäusern zu logieren.

Reiseliteratur, die damals bereits ausreichend vorhanden war, musste sorgfältig ausgewählt werden. Mit Karten dagegen war es schon ein wenig schwieriger, da diese oftmals ungenau waren.

Ein Tutor (umgs. auch bear-leader genannt), ein Reisebegleiter musste ausgewählt werden, der gleichzeitig väterlicher Aufpasser, Beschützer und Organisator war. Thomas Hobbes, ein englischer Mathematiker und Philosoph war z.B. 1610 Tutor des Sohnes von Lord Cavendish, sowie 1634 der des Sohns Earl of Devonshires.
Je nach Geldbeutel gingen auch Ärzte, Musiker, Maler und Dienstboten mit auf die Reise.
Für eine junge Lady brauchte es eine Anstandsdame, meist eine unverheiratete Tante oder Cousine.

Als Fortbewegungsmittel wurde entweder die eigene Kutsche, für die man allerdings nicht unerhebliche Zollgebühren zahlen musste, eine Mietkutsche, inkl. Kutscher oder die Postkuschte gewählt. Letztere war zwar nicht besonders attraktiv, da man das Gefährt mit anderen teilen musste, wurde jedoch stets an den Pferdewechseln vorgezogen, was ein nicht zu verachtender Vorteil war.

Die klassische Grandtour

Von Ausnahmen, wie z.B. Byron der während seiner Grand Tour bis nach Griechenland kam, einmal abgesehen war das wichtigste Ziel Italien.

Die Route wurde relativ streng eingehalten, wobei der Anfang immer Frankreich nahm, dann zog durch die Schweiz nach Italien und von dort über Österreich, Deutschland wieder zurück nach Holland oder Belgien zur Überfahrt nach Dover.

Die Grand Tour startete in Dover.

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Bild: Karte Dover, 18. Jahrhundert

Hier musst man schon mal ein Woche auf gutes Wetter für die Überfahrt warten, die dann 3 - 12 Stunden nach Calais dauerte. Von dort gab es schnelle Verbindung in die französische Hauptstadt.
Alternativen waren die Überfahrten von Dover nach Le Havre oder Ostende (Belgien).

In Paris nahm man Quartier in St.Germain oder zog ins, ebenfalls in St.Germain gelegene Hotel Hôtel des Monnaies.

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Bild: Hotel Hôtel des Monnaies, 19. Jahrhundert

Die Tage waren gefüllt mit der Erweiterung von Kenntnissen im Fechten, Reiten und Tanzen, der französische Konversation und dem Einkleiden in französische Mode. Der finale Abschluss war der Besuch in Versailles am königlichen Hof.

War Paris abgeschlossen, zog man weiter nach Dijon, Lyon und Marseilles, von dort aus ging es in Richtung Alpen. Auch in der Schweiz hielt man sich für eine Weile auf. Es wurden allerdings ausschließlich Städte, wie Lausanne oder Genf besucht, der Bergtourismus ist einer Erfindung des 19. Jahrhunderts.

Über den Alpenpässe, St. Bernard, St. Gotthard oder Simplon ging es weiter nach Italien. Hier stand in erster Linie das Studium von Kunst und Architektur auf dem Programm. Selbstverständlich kam aber auch hier das Vergnügen nicht zu kurz.

Für Florenz nahm man sich einige Monate Zeit um die Stadt, ihre Bauten und Museum kennenzulernen.

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Bild: Florenz, im Vordergrund der Palazzo Pitti, um 1860

Besuche in der Uffizi Gallery um in der Tribuna (ein Raum mit den schönsten und wertvollsten Bilder und griechischen Staturen) Bilder und Staturen zu studieren waren ein MUSS.

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Bild: Uffizi Galerie, um 1860 und "La Tribuna" by J. Zoffany

Neben Florenz standen aber auch andere Kulturstädte wie Siena, Pisa, Padua oder Lucca auf dem Programm.

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Bild: Pisa, um 1860

Den Winter verbrachte man in Venedig! Keine Frage warum Venedig einer der Hauptziele war; hieß es nun doch "Carneval und Courtisanen". Vor allem letztes wurde den Grand Tour-Reisenden von Kupplern praktisch mit ins Bett gelegt und man nahm dankend an.

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Bild: Piazza San Marco von Francesco Guardi (2. Hälfte 18. Jh.) ; Canale Grande von Canaletto (1738); Carneval in Venedig (Fresko)

In Vicenza suchte man die Villen des bedeutenden Renaissance Architekten Andrea Palladio auf, wie z.B. die Villa La Rotonda.

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Bild: Villa La Rotonda

Rom
war für die Osterzeit vorbehalten. Es galt, sich nun ausgiebig dem Besuch der antiken Monumente, Museen und Kirchen zu widmen.

Mindestens sechs Wochen lang, 3 Stunden am Tag, stand auf dem Plan für Roms Attraktionen. Man besuchte das Colosseum, das Pantheon, die Spanischen Treppen und studierte die Werke von Michelangelo.

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gt_rom_vatikan.jpg gt_rom_spanischetreppe.jpg gt_rom_Pantheon_Agrippa_1870.jpg

Bilder 1. Reihe (vl.n.r.): Kunstkenner unter sich; Galerie mit Panini Werken; Colosseum;

Bilder 2. Reihe (vl.n.r.): Vatikan; Spanische Treppe; Pantheon

Der nächste Streckenabschnitt von Rom nach Neapel galt als besonders gefährlich der räuberischen Brigaden wegen. Zunächst macht man aber noch einen Stopp in der Villa d'Este in Tivoli. Ein Wer des Hofarchitekten Alberto Galvani.

gt_villa_este.jpgBild: Der Garten der Villa d'Este von Carl Belchen, um 1830

In Neapel stand das Studium der Musik auf dem Programm, sowie Ausflüge nach Pompeji und Herculaneum (heute Ercolano).

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Bild oben: Blick auf Neapel, um 1860

Besonders Pompeji hatte es den Kavalieren angetan, dass zugleich Faszination als auch Inspiration für die Reisenden war, die dem Stil des alten Pompeji zu einer kleinen architektonisch angehauchten Renaissance in der Heimat verhalfen.

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Bild: Pompeij

Neben Pompeji zog es die Reisenden auch an die Amalfi-Küste, nach Capri und Ischia.

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Bild: Amalfi, Cattedrale San Andrea

Zurück über die Alpen ging es in die deutschsprechenden europäischen Gebiete. Wien war zu meist der erste Halt. Obwohl die strikte höfische Etikette manchen Unwillen bei den englischen Reisenden hegte, so waren doch die Reitschulen und Theater den Besuch allemal wert.

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Bild: Wien Ansicht von Calanetto, um 1758; Hofball von Wilhelm Gause, um 1904

Deutschland war bei den Grand Tour Kavalieren vor allem wegen seiner schlechten Straßen gefürchtet. Berlin, Dresden und Potsdam "Brennpunkte der Aufklärung" (Das Zeitalter der Aufklärung ist die Epoche der europäischen und nordamerikanischen Geistesgeschichte im 17. und 18. Jahrhundert) standen ebenso auf dem Reiseprogramm wie die Universitätsstädte Heidelberg, Jena, Leipzig oder die Bäder Baden-Baden, Karlsbad und Marienbad.

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Amsterdam (Holland) und/oder Brüssel (Belgien) bildeten den Abschluss bevor es wieder zurück über den Kanal ging.

 

Quellennachweis

(Dieser Text wurde von AS zusammengestellt)

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