Statussymbol mit Pferdestärken

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Heute heißt es "Mein Haus" - "Mein Auto" - "Meine Jacht" - "Meine Frau", in historischen Liebesromanen würde man wohl eher "Mein Schloss" - "Meine Kutsche" - "Mein Schiff" - "Meine Lady" sagen.
Ob als reines Transportmittel oder herzeigbares Statussymbol, kaum ein historischer Roman kommt, je nach Spielzeit und Ort, ohne den Einsatz eines Pferdewagens oder einer Kutsche aus.

Das gilt in besonderem Maße auch für historische Liebesromane, in denen Kutschen vor allem als Statussymbol und den privat intimen Rahmen für ein romantisches Stelldichein bieten. Schließlich gibt es in zeitgenössischen Liebesromanen auch genügend romantisch erotische Szenen in Autos.

Und überhaupt was könnte, für uns moderne Leser, romantischer sein als eine Kutschfahrt?

Herkunft

Schon die Römer benutzten vermutlich, ab dem 2. Jahrhundert nach Chr., bereits gefederte Reisewagen, doch die Technik ging mit dem Untergang des römischen Reiches verloren.

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Erst im Jahr 1457 wurde diese gefederte Ausführung eines Pferdewagens neu erfunden.

Erfinderische Wagenmacher, aus dem ungarischen Städtchen Kocs, entwickelten damals "kocsi szekér", den "Wagen aus Kocs". Die ungarische Kurzform "kocsi" wandelte sich im deutschen Sprachraum mit der Zeit zu "Kutsche", im Französisch zu "coche" und im Englischen zu "coach".

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Solide Räder, eine starken Längsachse, mit nach links und rechts beweglichen Vorder- und Hinterachsen, einen Sitz für den Kutscher auf dem Vordergestell, außerhalb des Wagens und einer bis dato unbekannten und komfortablen Federung waren die Zutaten zur Erfolgsgeschichte der "kosci".
Diese nun mehr um einiges bequemeren Beförderungsmittel fanden rasch Anklang bei der noblen Gesellschaft Europas und verbreiteten sich von Ungarn aus über den ganzen Kontinent.

Kutschen waren bis zum Ende des 19. Jahrhunderts das Reisemittel für Überlandreisen. Ab den 1830igern verdrängte die Eisenbahn mehr und mehr das Reise-Transportmittel Kutsche, doch für Vergnügungsfahrten in Parks, zur Repräsentation und in der Stadt zum allgemeinen Transport von Waren und Gepäck, so wie als Taxis und Busse blieben auch danach noch Kutschen präsent.

Kutschentypen

Eine Auswahl...

Die Kutsche unterscheidet sich von sonstigen Pferdefuhrwerken durch das Vorhandensein einer Federung. Kutschen sind ein oder zweiachsig und werden von einem oder mehreren Pferden gezogen.
Im folgenden findet ihr eine Auswahl der Kutschentypen, die uns besonders häufig in historischen Liebesromanen begegnen.

- Barouche

Die Barouche war eine beliebte Kutsche im 19. Jahrhundert. Das vierrädrige Vehikel zeichnete sich durch seinen flachen Bau aus und 2 Doppelsitzreihen, man saß Vis-à-vis. Die Barouche war nur über den hinteren Sitzen mit einem Klappverdeck geschützt und war im Grunde eine Sommerkutsche.
Der Kutscher hatte seinen Sitz hoch oben, vor der Box der Passagiere.

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- Berlin

Ein Berlin (auch Berline) war im späten 17. und 18. Jahrhundert in Mode. Entwickelt wurde diese Kutsche 1670 von einem italienischen Architekten der in Auftrag des brandenburgischen Kurfürsten arbeitete.
Der Berlin ist ein schneller, leichter, vierrädriger und voll gefederter Reisewagen. Er bietet je nach Bauart bis zu 4 Innen-Sitzplätze, sowie einen separaten hohen, vorangestellten Kutschbock.

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- Coupé / Bourgham

Ein Coupé (auch "Brougham") ist eine vierrädrige Kutsche. Sie verfügt über 2 Sitzplätze in einer Kabine. Der Kutscher findet seinen Platz zumeist weit vor der Kabine auf dem Kutschbock.
Diese sehr wendige Kutsche war ganz auf Bequemlichkeit ausgelegt und fand aus diesem Grund sehr oft Verwendung als Alltagskutsche vom Adel und gehobenem Bürgertum.

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- Hansom Cab

Das einachsig englische Hansom Cab (kurz Hansom) wurde 1834 von dem Architekten und Erfinder Joseph A. Hansom patentiert. Diese zweisitzige nach vorne offene Kutsche mit einem festen Dach hatte den Sitz für den Kutscher hoch hinter dem Verdeck.

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- Gig / Chaise

Ein Gig ist ein ebenfalls zweirädriger offener Wagen, ganz ähnlich einem Hanson Cab, mit Gabeldeichsel für ein Pferd. Eine Gig gab es mit und ohne klappbares Lederverdeck und wurde meist zum Selbstfahren genutzt, daher der kleine Sitz oder Stand hinter dem Verdeck für Bedienstete.

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- Kalesche

Das Vorgängermodel für eine Barouche oder eine Victoria Kutsche war die Kalesche. Die leichten vierrädrigen Ein- oder Zweispänner boten Platz für bis zu vier Personen und ein Faltverdeck. Der Kutsche sitzt auch hier, wie bei der Barouche hoch oben, vor der Box der Passagiere

Kaleschen gab es in mannigfaltigen Ausführungen. Casanova z.B. erwähnte in seinen Memoiren "Histoire de ma vie" 1742 eine zweirädrige Kalesche und 1758 eine vierrädrige Ausführung.

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- Landauer / in Wien Fiaker

Der viersitzige Landauer, mit den zwei Vis-à-vis liegen Sitzbänken, kam im 18. Jahrhundert auf.
Er war durch seine aufwendige konvertible Bauweise (man konnte sie als offene und geschlossene Kutscher fahren) kostspielig. Die Verdecke können in der Mitte geschlossen werden und die Seiten durch absenkbare Fenster in den Türen.
Mitte des 19. Jahrhundert wurde er fast ausschließlich als luxuriöse Stadtkutsche genutzt, die durch ihre niedriggehaltene Sitzschale einen perfekten Blick auf die Insassen und ihre präsentable Kleidung gab.
Der Landauer wird von 2 oder 4 Pferden gezogen.

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- Phaeton

Der Phaeton ist sozusagen das Äquivalent des frühen 19. Jahrhunderts zu einem modernen Sportwagen. Extrem leicht, extrem schnell und sehr gefährlich - war dieser Kutschentyp das Modefahrzeug des wohlhabenden Gentlemans. Die Kutsche ist als Selbstfahrer, für ein oder zwei Zugpferde konzipiert und ist besonders durch die vier sehr großen Räder erkennbar.

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- Postkutsche

Die Postkutsche war im 17. und 18. Jahrhundert nicht nur Transportmittel für Post, sondern diente auch der Beförderung von Passagieren.
Die erste regelmäßige Postkutschenverbindung in England wurde wohl 1657 zwischen London und Chester in Betrieb genommen. Mit dem Ausbau von Straßen wurden auch die Fahrzeiten zum Teil erheblich kürzer. Ihren Boom erlebte die Postkutsche in England zwischen 1820 und 1830.

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 Hier ein paar Fahrzeiten als Beispiel: (Voraussetzung trockene Straßen)

18. Jahrhundert

London/ York (280 km) = um 1700 = 7 Tage
Karlsruhe/Hamburg = um 1750 = 5 Tage
London/Edinburgh (634 km) = um 1763 = 14 Tage
London/Edinburgh (643 km) = um 1785 = 10 Tage im Sommer und 14 Tage im Winter

19. Jahrhundert

Köln/Dortmund = 1825 = über Mülheim/Ruhr / Düsseldorf / Duisburg / Essen nach Dortmund = Abfahrt Köln 4 ½ Uhr, geplante Ankunft Dortmund (nächster Tag 6 ½ Uhr).

London/Edinburgh = um 1830 = 36 Stunden
Flüelen/Chiasso (St. Gotthard Route) = um 1842 = knapp 23 Stunden.

Mit der Einführung der Eisenbahn ging das, meist romantisch verklärte Zeitalter der Postkutschen zu Ende.



- Viktoria, bis 1869 Mylord genannt, auch als Bockchaise bezeichnet

Die Victoria Kutsche wurde um 1840 entwickelt und bis 1869 "MyLord" genannt. Dieser Typ ist auch unter der Bezeichnung "Bockchaise" bekannt.
Die Victoria ist ein leichter Wagen mit einer tiefen Sitzbank und Halbverdeck. Er wird ein oder zweispännig gefahren. Sie bot Platz für 2 Passagiere und einen Kutscher.
Einige Modelle boten die Option den Bocksitz zu entfernen und so als Selbstfahrer zu funktionieren.

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SONSTIGE

- Vis-à-vis

Ein Vis-à-vis beschreibt die Anordnung der Sitze. Während man auf einem Dos-à-dos Rücken an Rücken sitzt, so schaut man sich bei einem Vis-à-vis gegenseitig ins Gesicht.

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- Four in Hand

Bevor das Four in Hand entwickelt wurde, gab es nur die Möglichkeit ein einzelnes oder ein paar Zugpferde pro Kutsche zu führen. Four in Hand erlaubt einem einzelnen Fahrer nun auch 4 Pferde zu führen. Das System fand vor allem bei Postkutschen und dem Tally-ho, einem Jagdwagen, Einsatz.

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- Equipage

Eine Equipage ist kein Kutschentyp, sondern bezeichnet die Ausstattung und Aufmachung eines Gespannes (Kutsche) als Ganzes. Zu der Equipage zählt z.B. auch die Kleidung des Fahrers und der Diener (Livree).
Der Begriff findet aber auch bei Reitjagden Verwendung, damit sind dann die Jagdbegleiter, sprich die Meute- und Feldpiqueure und die Bläser gemeint.

 

Quellennachweis

(Dieser Text wurde von AS zusammengestellt)

Wikipedia.de
http://www.kutschensammlung-metz.de/
http://www.kutschwagen.de/html/kutschen.html
http://www.kutschenboerse.de/Geschichte/Achenbach3.html

Bilder:
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Faiker (Landauer): Copyright © 2005 David Monniaux , unter GNU Free Documentation License
Hanson Cab: Photograph © Andrew Dunn, 19 September 2004. Website: http://www.andrewdunnphoto.com/